Beitrag der Sortenwahl zur Risikominderung und Risikostreuung in landwirtschaftlichen Betrieben am Beispiel Winterweizen
Künftig wird dem Intensivierungsfaktor Züchtung / Sorte eine vergleichsweise besonders große Rolle zukommen, da insbesondere Pflanzenschutz und Düngung agrarpolitisch zunehmend restriktiv gesteuert werden. Züchtung und Sortenwahl können einen Beitrag zur Anpassung an sich verändernde klimatische wie auch agrarpolitische Rahmenbedingungen und gesellschaftliche Anforderungen leisten. Die Sortenempfehlung der LFA basiert auf überdurchschnittlichen Leistungen in Ertrag und Vermarktungsqualität bei gleichzeitiger Vermeidung größerer sortenbedingter Risikoeigenschaften in kritischen Situationen. Eine herausragende Rolle misst die LFA auch Eigenschaften der Vermarktungssicherheit, Ertragsstabilität, Nährstoffeffizienz und insbesondere Risikofaktoren wie Auswinterung zu. Regional bedeutsame Eigenschaften, die mit hohen Risiken für Produktivität, Stabilität, Vermarktung, Verarbeitung, Verbraucher, Klimaanpassung oder Umwelt einhergehen, werden in der Gesamtbewertung von Sorten stark gewichtet.
Ausgewählte Risikomerkmale werden in diesem Bericht hinsichtlich der Relevanz in der Sortenwahl diskutiert:
Eine gute Winterfestigkeit von Weizensorten wurde in ca. einem von vier bis fünf Jahren in MV bzw. in Landesteilen gefordert. Eine abnehmende Tendenz ist bislang nicht festzustellen. Gerade in wärmeren Wintern befinden sich viele Sorten oft nicht hinreichend in Vegetationsruhe, um einen abrupt eintretenden u.U. nur kurzfristigen Temperatursturz sicher zu überstehen. Um in der Sortencharakterisierung nicht nur auf natürliche Auswinterungen im Freilandversuch angewiesen zu sein – dann ist es u.U. bereits zu spät – werden in Länderkooperation Provokationsversuche angelegt, die i.d.R. eine frühzeitige Einschätzung neuer junger Sorten erlaubt, bevor sie große Verbreitung erfahren. Die Ergebnisse zeigen eine hochgradig relevante Differenzierung der Sorten in der Winterfestigkeit sowie mögliche gravierende Ertragsausfälle bis hin zum Totalausfall. Im Bericht wird dargestellt, in welcher Weise die Sorteneinstufung in der Winterfestigkeit regional und nach Saatzeit differenziert in die Gesamtbewertung und Anbauempfehlung einfließt. Aktuell erkennt man an den Vermehrungszahlen in MV, dass winterschwache Sorten in MV im Unterschied zu Deutschland insgesamt kaum noch vermehrt werden. Das Sortenspektrum ist hinsichtlich Winterfestigkeit maßgeblich durch die Beratung der LFA geprägt. Betriebe, welche die Empfehlungen in ihrer Mehr-Sorten-Strategie berücksichtigen, können Auswinterungsschäden zwar nicht absolut sicher ausschließen, aber das Risiko, den betrieblichen Anteil geschädigter Schläge sowie den Schädigungsgrad spürbar senken.
Die Fallzahlstabilität von Weizensorten hat hohe Relevanz für die Vermarktungssicherheit und für die Verarbeitungsqualität. Auch diese Eigenschaft wird witterungsbedingt nur in Einzeljahren bedeutsam, kann aber dann gravierende Erlöseinbußen bewirken. Aktuell werden keine Provokationsversuche angelegt, die Sorteneinstufung ist also auf natürliche Ereignisse angewiesen. Um trotzdem möglichst frühzeitig zu Sorteneinschätzungen zu kommen, bezieht die LFA Ergebnisse aus belasteten Versuchen aus dem gesamten Bundesgebiet ein. Dies ist insofern gerechtfertigt, als diese Eigenschaft nicht ausgeprägt regionalspezifisch ist. In der Fallzahlstabilität gibt es starke Abstufungen zwischen den Weizensorten. Im Bericht wird dargelegt, in welcher Weise die Fallzahlstabilität in die Sortenberatung der LFA unter Berücksichtigung der Qualitätsgruppe und der Reifeeinstufung von Sorten einfließt. Die Öffentlichkeitsarbeit der LFA ist auch hinsichtlich der Fallzahlstabilität im Anbauspektrum der Sorten in MV wiederzufinden.
Der Befall von Weizen mit Ährenfusariosen kann neben Einbußen in Ertrag und Kornqualität auch zur Belastung des Erntegutes mit Mykotoxinen führen. Die Resistenz gegenüber Ährenfusarium ist ein wichtiger Baustein zur Risikominderung hinsichtlich Vermarktung und gesundheitlicher Belastung der Verbraucher. Das Risiko ist beim Anbau des Weizens nach Mais, vor allem Körnermais, aber z.B. auch im Stoppelweizenanbau stark erhöht. Insofern berücksichtigt die LFA die Resistenz gegenüber Ährenfusarium besonders im Zusammenhang mit der Sortenempfehlung für spezielle Fruchtfolgestellungen. Zudem werden Sorten mit besonders hohem Risikopotenzial prinzipiell nicht mehr geprüft. Die Züchtung hat erhebliche Fortschritte in der Resistenz erzielt, somit sind geeignete Sorten für kritische Fruchtfolgestellungen verfügbar. Mit diesen weitgehend resistenten Sorten kann der Landwirt als Lebensmittelunternehmer dem Risiko-Minimierungs-Gebot gerecht werden. Weitere Zuchtfortschritte in einer noch besseren Kombination von Fusariumresistenz und Ertragspotenzial sind zu erwarten.
Die Versorgung der Bestände mit Stickstoff ist einerseits in besonderem Maße bedeutsam für Ertrag und Qualität des Weizens, andererseits stellen regelmäßige Stickstoffüberhänge eine Umweltbelastung dar. Sorten mit einem überdurchschnittlichen Stickstoffaneignungsvermögen leisten einen relevanten Beitrag zur Verringerung von Stickstoffausträgen. Die Differenzierung der Sorten ist nicht unerheblich. Innerhalb der mehrjährig im LSV geprüften, also bereits positiv vorselektierten Sorten liegt die Spannweite bei ca. ± 20 kg/ha N. Sorten mit einem hohen N-Aneignungsvermögen sind zudem entweder ertrags- oder proteinstark oder sie haben eine ausgewogen gute Kombination beider Merkmale. Die Nutzung von Sorten mit hoher N-Aneignung stellt somit eine Win-win-Situation für Wirtschaftlichkeit und Umweltwirkung und zudem einen Gratisfaktor dar. Die N-Aneignung der Sorten wurde seit 2021 in die Flyer der Sortenempfehlung der LFA aufgenommen und stößt in der Praxis auf Interesse.
Vor dem Hintergrund der Klimaveränderung einerseits und der Problematik der Wirtschaftlichkeit auf leichten Böden andererseits spielen Ertragsstabilität und Ertragsreaktionen auf limitierende Bedingungen eine zunehmende Rolle. Dieser Aspekt wird hinsichtlich der Sortencharakteristik mit Methoden zur Bewertung der Ökostabilität untersucht. Der Parameter Ökovalenz bewertet die relative Ertragsstabilität einer Sorte. Die Ökoregression differenziert zwischen Sorten, die tendenziell eher unter Hochertragsbedingungen gut abschneiden (Intensivsorten) und Sorten, die eher unter limitierenden Bedingungen relativ (!) gut abschneiden (Extensivsorten). Unter den mehrjährig geprüften Sorten gibt es in diesen Parametern signifikante Unterschiede, die für ausgewählte Sorten eine nach Standortbedingungen differenzierte Empfehlung erlauben. Eingeschränkt lassen sich Rückschlüsse auf die Trockentoleranz ziehen. Mit diesen Einschätzungen erfolgt im Zuge der Züchtung und Sortenprüfung sukzessive eine Anpassung an den sich ebenfalls gleitend vollziehenden Wandel der klimatischen Bedingungen. Es wäre allerdings überzogen zu erwarten, dass sich mit der Sortenwahl alle Probleme des Weizenanbaus auf Trockenstandorten lösen lassen. Die Sortenunterschiede in der Ökostabilität sind eher graduell als prinzipiell.
Mit der Reduktion von Risiken in den beschriebenen Eigenschaften leistet die Sortenprüfung der LFA einen erheblichen Beitrag für Ertragsstabilität, Vermeidung existenzieller Ertragseinbrüche, Vermarktungssicherheit, gesundes Erntegut, geringe Umweltbelastung und Klimaanpassung. In den letzten Jahren ist als Resonanz deutlich wahrzunehmen, dass Praktiker zunehmend die Fokussierung von Produktivität graduell und mit Augenmaß in Richtung Risikominderung verschieben.
Aufgrund der besonders beim Weizen sehr großen Anzahl wertbestimmender Sorteneigenschaften ist eine rein subjektiv-intuitive Gesamtbewertung jeder Sorte kaum sortengerecht möglich. Die im Bericht methodisch aufgezeigte regionale Gesamtbewertung von Sorten durch einen Index erlaubt adäquate Gewichtungen der Eigenschaften, eine für alle Sorten identische Herangehensweise der Vergabe von Boni oder Mali für günstige bzw. ungünstige Eigenschaften und führt in der Gesamtbewertung zu einem gerechteren objektivierten Ranking der Sorten. Im Ergebnis werden den Betrieben Sortenempfehlungen für spezielle Anbausituationen und für die Umsetzung einer betrieblichen Mehrsortenstrategie gegeben, welche im mehrjährigen Mittel besonders leistungsfähig sind und gleichzeitig die Produktion stabilisieren und Risiken mindern.
In einfachen Agrarstatistiken oder auch in Fachgesprächen entsteht oft der Eindruck, der Naturalertrag sei der alles entscheidende Faktor zur Beurteilung des Standes oder der Entwicklungen in der pflanzlichen Produktion. Dieser Umstand mag ursächlich dafür sein, dass auch in der Frage der Pflanzenzüchtung, der Sortenprüfung und der Sortenwahl in der Praxis nicht selten unterstellt wird, es ginge fast nur um das Ertragspotenzial. So findet sich z.B. im ‚Diskussionspapier Ackerbaustrategie 2035‘ des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL, 2019) folgende Aussage: „Bei der Sortenwahl ist im Wesentlichen immer noch die Ertragsleistung sowie die Qualitäts- und Inhaltsstoffe für die Landwirtinnen und Landwirte entscheidend; hier muss eine stärkere Anbauberatung im Hinblick auf regional spezifische die Gesamtleistung positiv beeinflussende und somit den Ertrag sichernde Faktoren (Resistenzen, Frosthärte, Trockentoleranz) erfolgen...“.
Eine derart einseitige Fokussierung auf Ertrag und Vermarktung bestand allerdings selbst in Höchstertragszeiten um die Jahrtausendwende bei wenig limitierenden Rahmenbedingungen in der offiziellen Sortenprüfung des Bundessortenamtes und der meisten Bundesländer so nicht. Bereits im Zulassungsverfahren hat das Bundessortenamt z.B. der Resistenz und Standfestigkeit eine so hohe Gewichtung gegeben, dass dies in der Praxis und Privatberatung nicht selten zu der Kritik führte, Gesundheit zulasten von Ertrag zu fördern.
Diese Strategie bewirkte, dass bereits in der vorgelagerten Pflanzenzüchtung Resistenz und Standfestigkeit wesentliche Zuchtziele sein mussten, da dies Voraussetzung für Zulassung und damit Vertriebsfähigkeit war. Im Ergebnis haben wir heute ein in Deutschland zugelassenes Weizensortiment, dass bezüglich Resistenz deutlich besser aufgestellt ist als vor etwa 20 Jahren. Züchtung und Sortenberatung und letztlich natürlich die Praxis sind auf erwartete zunehmende Restriktionen im Pflanzenschutz dadurch bezüglich der Sortenfrage tendenziell nun besser vorbereitet.
Nach der Sortenzulassung prüfen in Deutschland Dienststellen aller Bundesländer vertriebsfähige Sorten auf die regionale Eignung. Um der Regionalität gerecht zu werden, verschiebt sich die Gewichtung von Eigenschaften zwischen den Regionen und gegenüber den Zulassungskriterien des Bundes regionalspezifisch. So gewichteten einige Länderdienststellen in Regionen mit sehr günstigen stabilen Anbaubedingungen und geringen regionalen Risiken (wie u.a. Auswinterung) den Ertrag tatsächlich überdurchschnittlich hoch.
Die LFA hat in der Sortenbewertung dahingegen schon seit langem Eigenschaften der Vermarktungssicherheit, Ertragsstabilität, Nährstoffeffizienz und insbesondere Risikofaktoren wie Auswinterung ein großes Gewicht in Relation zum Ertrag gegeben. Regional bedeutsame Eigenschaften, die mit hohen Risiken für Produktivität, Vermarktung, Verbraucher oder Umwelt einhergehen, wurden besonders hoch gewichtet. In der Öffentlichkeitsarbeit widmet das Sachgebiet Sortenwesen und Biostatistik der LFA der Risikominderung und Risikostreuung im Betrieb regelmäßig breiten Raum. In den letzten Jahren ist als Resonanz deutlich wahrzunehmen, dass Praktiker zunehmend die Fokussierung auf Produktivität graduell und mit Augenmaß in Richtung Risikominderung verschieben.
Diese regionalen Gewichtungen dürfen im Detail nie längerfristig in Stein gemeißelt sein. Veränderungen der Rahmenbedingungen - klimatisch, politisch / restriktiv, Marktbedarf, relative Vorzüglichkeit … - führen notwendigerweise immer zum Überdenken und Verschieben der Gewichtungen von Sorteneigenschaften und somit auch der Versuchsmethodik.
In diesem Abschlussbericht wird nicht eine einzelne, klar abgegrenzte Fragestellung empirisch untersucht und ausgewertet, sondern er soll einen Überblick über Hintergründe, Ansätze und Vorgehensweisen der LFA hinsichtlich der Sortenempfehlung von Winterweizen unter besonderer Berücksichtigung der Risikominderung geben. Insofern werden insbesondere die Datensatz-Beschreibungen und die Auswertungsansätze der vielfältigen Einzelaspekte nur soweit vertieft, wie es für das Grundverständnis erforderlich ist.
Sorte Sortenempfehlung Sortenberatung Sortenwahl Standort Standorteignung Risiko
Dokumente
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Beitrag der Sortenwahl zur Risikominderung und Risikostreuung
(PDF, 3,53 MB)
Am Beispiel des Winterweizens wird dargestellt, welchen Beitrag zur Risikominderung und Risikostreuung die Sortenwahl in landwirtschaftlichen Betrieben liefert.
| Herausgeber | Landesforschungsanstalt für Landwirtschaft und Fischerei Mecklenburg - Vorpommern |
|---|---|
| Verfasser | V. Michel |
| Erscheinungsdatum | 28.10.2021 |
| Telefon | 03843 789 210 |
| v.michel@lfa.mvnet.de |




