Künstliches Unterwasser-Riff Nienhagen - Pressemitteilung vom 8. März 2007

Landesforschungsanstalt MV: Pressemitteilung vom 08. März 2007

Nach vier Jahren intensiver Forschung wurden am 08.03.2007 auf einem Kolloquium in Rostock die Ergebnisse der bisherigen Untersuchungen vorgestellt. Nach Begrüßung der zahlreich erschienen Gäste durch Prof. Dr. Gienapp, Direktor der Landesforschungsanstalt für Landwirtschaft und Fischerei MV, wurde den Anwesenden das Projekt mit seinen Aufgaben, Zielstellungen und Partnern in Form einer 3D-Animation vorgestellt. Leider waren keine Vertreter der Europäischen Kommission, die neben den 25% Landesfördermitteln 75% der Projektmittel trägt, vor Ort, denn in den nachfolgenden Vorträgen wurden neben den umfassenden Datenmaterial auch Perspektiven und Neuausrichtungen der Untersuchungen präsentiert und diskutiert

 

    • Durch den Einsatz von unterschiedlichen Riffstrukturen können Aussagen zur Gestaltung, zur Bausicherheit und zur Oberflächenstrukturen getroffen werden.
      Bei fangtechnischen Untersuchungen wurden Fischfallen direkt an den Strukturen als äußerst selektive und schonende Fangmethode für Lebendfisch erfolgreich getestet. Dabei handelt es sich hauptsächlich um Dorsch in allen Altersklassen, der in hervorragender Qualität für die menschliche Ernährung aber auch für wissenschaftliche Untersuchungen wie Fischmarkierungen verwendet werden kann. Ein erster Markierungsversuch von sieben Jungdorschen mit 1 Wiederfang nach knapp einem Jahr lässt hoffen, dass mit den Riffstrukturen etwas für den lokalen Dorschbestand getan werden kann. Die künstlichen Habitate bieten einer Vielzahl von Klein- und Jungfischen Schutzräume und ein entsprechendes Nahrungsangebot. Das wurde nicht nur mittels Probefänge im Riff- und Referenzgebiet sondern auch mit einer Langzeitunterwasserbeobachtung nachgewiesen. Es wurden im Jahr 2006 beispielsweise 3750 h Filmlänge, die ca. 4.500 GByte Speicher beanspruchen, aufgezeichnet. Aber auch andere Aussagen konnten per Film belegt werden wie zum Beispiel die Wechselwirkung bei den Bewuchsorganismen oder das Fischverhalten. Durch die umfangreichen Bild- und Videodokumentationen sowie Auszählungen und Artbestimmungen im Labor sind die Bewuchsgemeinschaften vor und nach dem Einbau der Elemente im Vergleich zum Referenzgebiet erfasst worden. Sie spielen eine wesentliche Rolle als Nahrungsbasis für die Nutzfischarten in unserer Küstenregion. Bei einer Hochrechnung im Jahr 2005 wurden auf den Riffstrukturen im Maximum ca. 40 t Biomasse nachgewiesen. Die Großalgen in der Bewuchsgemeinschaft greifen nicht direkt in die Nahrungskette ein, werden aber international einer wirtschaftlichen Verwertung zugeführt. Bei den hier vorkommenden Makrophyten wurde spezielles Augenmerk auf die Rotalge Delesseria sanguinea gerichtet. Vergleichsweise erzielt das Kilogramm Feuchtmasse in Frankreich einen Preis von ca. 9,61 € (Stand 2004). Parallel laufend zu den Laboruntersuchungen zur Bestimmung des Lebenszyklus und einer genetischen Bestimmung wurden am „Künstlichen Riff“ Aufzuchtsmöglichkeiten bis hin zur Findung des bestmöglichen Erntezeitpunktes getestet und eine Prüfung zur wirtschaftliche Verwendung der sulfatierten Polysaccharide der Rotalge vorgenommen. Es bestehen realistische Verwendungsmöglichkeiten in den Bereichen Kosmetik, Medizinprodukte und Nahrungsergänz­ungsmittel (NEM), wobei aus ökonomischer Sicht eine vergleichende Analyse zwischen der atlantischen und der Ostseealge abzuwarten ist.
      Das „Künstlichen Riff“ vor Nienhagen ist bedingt durch seine Größe und dem wissenschaftlichen Programm einzigartig im Ostseeraum und weltweit in unseren Breiten. Durch die fast ausschließliche wissenschaftliche Nutzung fiel es aber auch schwer eine ökonomische Bewertung vorzunehmen. Die Betrachtungen zu den Riffstrukturen beschränkten sich somit auf eine Taucher- und Anglerbefragung. In ihrem Ergebnis wurden „Künstliche Riffe“ an der Küste Mecklenburg-Vorpommerns bejaht. Sie sollten unter Berücksichtigung von naturschutzrechtlichen Belangen gezielt für ihren Verwendungszweck gestaltet werden und über eine Mischfinanzierung abgesichert werden.

 

Verfasser Thomas Mohr
Erscheinungsdatum 05.04.2007
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